Reinacher Gespräche 2015: «Vo Schönebuech bis Ammel»

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Dieses Jahr ging es bei den Reinacher Gesprächen um die Selbst- und Fremdwahrnehmung im Baselbiet, um die Art und Weise, wie Probleme angepackt werden und wie die Zusammenarbeit in der Region funktioniert – letztlich also um die Identität unseres Kantons (Einladungskarte).

Der Anlass hätte nicht aktueller sein können. Erst gerade wurde publik, dass die Stadt Basel den Landkanton in den nächsten vier Jahren mit jährlich 20 MCHF zu unterstützen bereit ist. Genau unser Thema! Getrieben von finanziellen und anderen Problemen will Baselland der Stadt Basel zukünftig weniger für Kultur oder Universität bezahlen – selbstverständlich bei gleichem Leistungsbezug. Und was geschieht? Statt dass die Stadt an Revanche denkt oder in Trotz verfällt, kommt ein konstruktiver Vorschlag zur finanziellen Entlastung der Landschaft. Liest man die ersten Reaktionen in den Zeitungen, dann hat dies bei manchem Baselbieter Politiker zu einem mentalen Ausnahmezustand, einer emotionalen Grenzerfahrung geführt. Die rot-grüne Stadt unterstützt die bürgerlich-konservative Landschaft! Das muss erst mal verkraftet werden. Etwas kann man jetzt schon klar voraussagen, ganz gleich, wie die Geschichte schlussendlich ausgeht: Es geht nicht nur ums Geld, sondern in erster Linie ums Selbstverständnis des Baselbiets.

Der Kanton Basel-Landschaft entstand aus der Unterdrückung und Ausbeutung der Landschaft durch reiche und machtbewusste Städter und war getrieben vom Wunsch nach Selbstbestimmung und wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Trotz riesiger wirtschaftlicher Probleme überlebte der neue Kanton. Im 19. Jahrhundert spielte der Kanton eine Pionierrolle in der jungen Schweiz und führte z.B. als erster das Instrument des Referendums ein. Auch im 20. Jahrhundert war Baselland oft Vorreiter, sei es bei der Zivildienstinitiative («Münchensteinerinitiative»), dem ersten Umweltschutzabo und dem ersten Energiegesetz in der Schweiz oder bei einer ökologisch ausgerichteten Politik.

Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren. Wir beschäftigen und am liebsten und meisten mit uns selber. Dabei fehlt uns oft die Fähigkeit, die wichtigen von den unwichtigen Problemen zu unterscheiden und sie gemeinsam, konsensartig zu lösen. Beispiele gäbe es viele.

Wie sehen dies Betroffene und Aussenstehende? Erwartungsgemäss – alles andere wäre ja langweilig – sehen dies ein Regierungspräsident (Toni Lauber) und die Leiterin Standortmarketing (Sabine Horvat) nicht ganz gleich wie eine kritische Ständerätin aus Basel (Anita Fetz) oder ein Politologe aus Lausanne (Andreas Ladner). Erstere haben die Aufgabe und Pflicht, das Baselbiet oder die Region nach aussen gut zu verkaufen. Sie stellen deshalb die, zweifellos noch immer sehr hohe, Standortqualität oder die heute gute Zusammenarbeit zwischen den beiden Regierungen ins Zentrum und verweisen darauf, dass auch andere Kantone Finanzprobleme haben. Das ist richtig und legitim. Man stelle sich vor, die Werbeabteilung eines Pharmaunternehmens würde verkünden, ihre Produkte seien nicht besonders wirksam, dafür teuer und mit Nebenwirkungen verbunden – sie würden sofort entlassen. Aber jedes Pharmaunternehmen hat auch Abteilungen, die Bestehendes hinterfragen, Prozesse korrigieren und bessere Produkte entwickeln. Ohne diese Leute, würde der Betrieb in Kürze untergehen.

Genauso, wie jede Firma ihre Tätigkeit und Produkte ständig hinterfragen muss, sollten auch Regierungen, Parlamente oder Verwaltungen ihr Wirken ständig kritisch prüfen. Ist es nicht ein Wiederspruch, wenn man einerseits innovative Firmen ansiedeln möchte und andererseits die Beiträge an die Universität kürzen will? Wie kann man seine Attraktivität für urbane, weltgewandte und gut ausgebildete MitarbeiterInnen erhöhen wollen und gleichzeitig den Kulturvertrag kündigen? Wieso darf der Verwaltungsaufwand pro Kopf der Bevölkerung im Kanton BL bei etwa 1500 CHF liegen, wenn er in BS bei nur ca. 800 CHF liegt (Zahlen Anita Fetz)? Stimmt es tatsächlich, dass die Aufgabenverteilung in BL nahezu optimal ist (Toni Lauber)? Solche und ähnliche Feststellen hinterfragen Aussenstehende bei der Betrachtung unseres Kantons zu Recht. Nur wenn wir uns diesen (und vielen weiteren Fragen) stellen, können wir uns verbessern – denn: gut sein, heisst nicht gut bleiben.

Die (Rest-)Schweiz unterscheidet nicht gross zwischen Basel-Stadt und -Landschaft. Unsere Sorgen interessieren andere nicht. Wenn wir uns in Abgrenzungs- und Differenzierungsfragen zwischen Stadt und Land verbeissen wollen, dann können wir das tun; unserer Standortattraktivität dient es kaum. Unsere Region wird von aussen als Ganzes wahrgenommen. Wenn wir punkto Attraktivität oder wirtschaftlicher Stärke mit dem Rest der Schweiz und der Welt mithalten wollen, dann müssen wir die wirklich wichtigen Fragen angehen: Wie können wir den wirtschaftlichen Motor, insbesondere die Life Science Branche wettbewerbsfähig halten? Was müssen wir tun, damit die hellsten Köpfe hier arbeiten wollen? Welche Strukturveränderungen braucht es, damit wir auch in 50 Jahren noch starke und wirtschaftlich lebensfähige Gemeinden haben? Wie stellen wir die hohe Lebensqualität in der Region sicher? Zu behaupten, zu all diesen Fragen hätten wir die passenden Antworten, heisst, die Realität schönreden.

Zurück zum Stichwort Identität. Der Baselbieter Historiker und alt-Politiker Ruedi Epple hat 2008 sinngemäss festgestellt: Identität gibt es nicht, sie entsteht in der Auseinandersetzung, in Konflikten, durch Emotionen. In der Vergangenheit ist Identität durch die Trennung von der Stadt, durch den Überlebenskampf des jungen Kantons, durch den Kampf gegen das AKW Kaiseraugst oder die Bewältigung der Sandoz-Katastrophe definiert worden und entstanden. Heute (2008) fehlen diese Herausforderungen und politischen Bewegungen im Kanton. Die Identität löst sich langsam auf. Richtig gefordert wird der Kanton gegenwärtig (2008) weder politisch noch ökonomisch. Soweit Epple. Wenn dem tatsächlich so sein sollte, dann hat die Gegenwart mit all den aktuellen Problemen nicht nur Nachteile sondern bietet auch grosse Chancen. Indem wir diese Probleme gemeinsam und mit dem Willen zur Zusammenarbeit anpacken und lösen, könnte dies der Beginn einer neuen und für das Baselbiet positiven Zeit werden.

Einladung: Einladungskarte

Medienecho: Gemeinde-TV, BaZ_151030_RG, BZ_151030_RG, WoBla.