Bundesfeier 2015: Die Schweiz, wie ich sie mir wünsche!

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Im 19. Jahrhundert ist jene Schweiz entstanden, die mich fasziniert, mit der ich mich identifizieren kann, die uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Rückblickend ging es damals nicht nur um die Gründung eines Bundesstaates. Es ging auch darum, in einer sich stark wandelnden Welt den Anschluss an die Zukunft nicht zu verpassen.

Die moderne Schweiz
Die Gründung der modernen Schweiz fällt in die Zeit der industriellen Revolution. Fabriken, Eisenbahnen und Strassen schufen die Voraussetzungen für blühenden Handel und neuen Wohlstand. Nicht so in der Schweiz, wo ein Wildwuchs an Zöllen, Massen, Währungen und Reglementierungen die Entwicklung massiv erschwerten. Dass es in den folgenden Jahrzehnten trotzdem zu einem wirtschaftlichen Aufschwung kam, verdanken wir der Gründung der modernen Schweiz und der neuen Verfassung. Fortschrittlich-liberale Kantone setzten sich gegen die konservativen durch und vereinheitlichten Masse, Gewichte, Währungen und wichtige Gesetze auf Bundesstufe.

Parallelen zu heute
Ich glaube, wir stehen heute vor einer ähnlichen Situation, wie unsere Vorfahren vor 200 Jahren – nur eine Stufe höher. Was früher die Kantone waren, sind heute die Nationalstaaten. Wer damals mithalten wollte, musste national statt lokal denken. Wer heute dabei sein will, muss global statt national denken. Forschung, Produktion, Handel, Transport oder Kommunikation sind heute global organisiert. Dies zwingt Nationalstaaten, ihre Gesetze international zu harmonisieren und internationale Gremien zu schaffen, um Weltkonzerne zu kontrollieren oder einheitliche Umwelt- oder Arbeitsvorschriften zu erlassen. Dies ist aber nur möglich, wenn die Nationalstaaten bereit sind, Kompetenzen abzugeben und ihre Eigenständigkeit einzuschränken. Damit tun sich alle Länder schwer, die Schweiz aber ganz besonders!

Weltweit gibt es verschiedene Ansätze, mit denen Nationalstaaten versuchen, mit der neuen, globalen Wirklichkeit klar zu kommen. Eine für die Schweiz besonders wichtige Institution ist die Europäische Union. Um mit anderen Wirtschaftsmächten Schritt halten zu können, wurde und wird versucht, in Europa Gesetzte zu vereinheitlichen, Zollschranken abzubauen, eine Einheitswährung einzurichten und gemeinsame Kontrollorgane aufzubauen. Es ist nicht erstaunlich, dass ein solches Vorhaben schwierig ist. Immer wieder gibt es Rückschläge. Die EU ist sicher noch keine Erfolgsgeschichte. Dennoch sollten wir nicht vorschnell und überheblich über die EU urteilen. Besser wäre es, sich zu erinnern: Auch die moderne Schweiz wurde nicht einvernehmlich und über Nacht gegründet! Im Gegenteil. Die moderne Schweiz brauchte fast hundert Jahre bis sie einigermassen funktionierte. Und die Gründung war alles andere als friedlich. Verglichen mit den Geburtswehen der modernen Schweiz geht es heute in der EU geradezu gesittet zu und her. Und falls wir der EU gleich viel Zeit für die Gründung zugestehen, wie sie die moderne Schweiz brauchte, dann hat sie noch etwa 50 Jahre Zeit, ihren Weg zu finden.

Herausforderungen der Zukunft
Ich bin kein Hellseher, sondern nur ein interessierter Beobachter des Weltgeschehens. Deshalb weiss ich nicht, welche Rolle Nationalstaaten in Zukunft spielen werden. Vermutlich werden sie so wenig verschwinden, wie die Kantone mit der Gründung des Bundesstaates verschwunden sind. Aber sie werden an Bedeutung verlieren. Die Zeit, in der Nationalstaaten die grossen Probleme selber und einzeln lösen konnten, ist eindeutig vorbei. Wenn dem so sein sollte, dann besteht die grosse Herausforderung darin, eine neue Balance der Zuständigkeiten zu finden: Welche Kompetenzen können bei den Nationalstaaten bleiben, welche müssen an eine internationale Ebene delegiert werden und wie sichert man die Mitbestimmung der Länder und der Bevölkerung. Das ist eine schwierige Aufgabe. In der Schweiz streiten wir seit rund 200 Jahren darüber, was in Bern, Liestal oder Reinach entschieden werden soll – die ultimative Antwort haben wir noch nicht gefunden.

Die Rolle der Schweiz
Mir geht es wie den meisten Menschen: Ich liebe Unabhängigkeit und Eigenverantwortung. Ich bin froh, wenn ich selber rasch und unkompliziert entscheiden kann. Aber wir dürfen die Augen nicht verschliessen vor den Veränderungen, die in der Welt vor sich gehen. Viele Aufgaben können wir nur noch gemeinsam und nicht alleine lösen. Das gilt in der Birsstadt genau so, wie in der grossen Welt. Es ist einfach, über internationale Organisationen und ihre Mängel zu spotten, sei das der UNO-Sicherheitsrat oder die EU. Aber was ist die Alternative? Es gibt keine! Nicht die Abschaffung dieser Organisationen, sondern deren Verbesserung ist die Lösung.

Vor 200 Jahren haben es weitsichtige Menschen fertig gebracht, aus zerstrittenen Kantonen eine Schweiz zu schaffen, die den Anforderungen der veränderten Welt gerecht wurde. Das war eine grossartige und vorbildliche Leistung. Ich wünsche mir, dass wir wieder etwas von diesem Pioniergeist, von den Visionen und dem Pragmatismus unserer Vorfahren hätten. Wir haben eine lange Tradition im Suchen von Kompromissen, im Ausgleich von Unterschieden, im Vermitteln statt Befehlen. Wir haben reichlich Erfahrung, wie man Aufgaben und Macht auf verschiedene Ebenen verteilt. Wieso nutzen wir diese Erfahrungen nicht besser? Ich hoffe, dass wir uns wieder mit mehr Freude und Lust in internationale Gremien und Verhandlungen einbringen, um so einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Nicht nur die Welt hat uns viel zu bieten – auch wir haben der Welt einiges zu bieten. Es wäre zum Wohl von uns allen.

Die ungekürzte Fassung meiner Ansprache finden Sie hier: Ansprache Bundesfeier 2015 .

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