«1:12» Gut gemeint ist nicht gut gemacht!

s80s20
Auf den ersten Blick ist das Anliegen sympathisch: Die Schere zwischen den tiefsten und höchsten Einkommen soll nicht zu weit aufgehen – es schadet dem sozialen Frieden, wenn einige wenige unanständige Gehälter einstreichen und sich andere am Existenzminimum durchschlagen müssen. Und niemand ist so gut, dass sie / er das -zigfache des Lohnes der Mitarbeitenden verdient. Aber die gut gemeinte 1:12-initiative wird dieses Problem nicht lösen, sondern zusätzliche Probleme schaffen. Deshalb lehne ich sie ab.

Um es vorwegzunehmen: «Meine» Firma, wäre von einer Annahme der Initiative nicht direkt betroffen. Bei uns beträgt das Verhältnis des tiefsten zum höchsten Lohn etwa 1:4. Und das ist gut so. Lohndifferenzen müssen sein, aber sie sollen massvoll und v.a. gut begründbar sein. Trotzdem bin ich gegen die Initiative, denn sie schadet viel und hilft niemandem.

Nur wenige Firmen haben eine Lohnspange von mehr als 1:12. Und genau in diesen Firmen kann ich mir nicht vorstellen, dass sich bei Annahme der Initiative etwas ändern würde. Wieso sollen die Topverdiener plötzlich ihre Löhne senken? Oder die tiefsten Löhne erhöhen? Viel wahrscheinlicher ist, dass die schlecht bezahlten Mitarbeitenden in Tochterfirmen ausgelagert und im Auftragsverhältnis wieder beschäftigt werden. Oder dass die Spitzenverdiener statt Angestellte halt plötzlich als Berater Honorare beziehen. Einige internationale Firmen werden wohl auch ihren Sitz ins Ausland verlegen oder zumindest die Spitzenverdiener über ausländische Tochterfirmen beschäftigen. Was haben wir damit erreicht?

Ein unerwünschter Nebeneffekt – und jetzt rede ich als Gemeindepräsident – wird wohl sein, dass es auch zu Steuerausfällen kommt, falls Firmen oder Gutverdienende wegziehen. (NB: Wenn jetzt jene Kreise mögliche Steuerausfälle beklagen, die sonst nie müde werden, Steuern zu senken – Stichworte Unternehmenssteuerreform III, Familieninitiative etc. – dann ist dies auch nicht.) Wir haben ein bewährtes System in der Schweiz: Wer besser verdient, soll auch mehr Steuern bezahlen. Progressive Steuersysteme sind sozial, Lohnbegrenzungen in der Art, wie sie die 1:12-Initiative verlangt, sind dagegen kontraproduktiv. Dass die Schweiz bezüglich sozialem Ausgleich gar nicht so schlecht dasteht, zeigt auch die Grafik rechts. (Das Verhältnis S80/S20 misst die relative Ungleichheit in der Verteilung der Einkommen: Verhältnis der Einkommen der reichsten 20% der Bevölkerung zum Einkommen der ärmsten 20%. Je höher diese Zahl ist, desto ungleicher ist die Einkommensverteilung.)

Bleibt die Frage, ob der Staat tatenlos zusehen soll, wenn Einige unanständig viel verdienen und Andere kaum genug zum Leben haben? Nein! Tut er auch nicht. Progressive Steuern kombiniert mit einer effizienten Sozialpolitik führt dazu, dass Geld umverteilt wird. Das ist gut und richtig so. Auch Mindestlöhne sind sinnvoll, solange sie massvoll sind und nicht dazu führen, dass gar keine einfache Arbeit mehr angeboten wird.