Reinacher Gespräche 2014: Bringt Wachstum Unwohlstand?

RG Flyer
Die Reinacher Gespräche 2014 waren der Frage gewidmet: «Bringt Wachstum Unwohlstand?». Die Frage nach Sinn und Notwendigkeit von Wachstum war in den 1970-Jahren ein heiss diskutiertes Thema («Grenzen des Wachstums»), verschwand dann aber in Zeiten der Wirtschaftskrise und des Neoliberalismus in der Versenkung. Heute ist die Wachstumsdebatte wieder aktuell – zu Recht!

Um es vorwegzunehmen: Eigentlich gibt es erstaunlich wenig gesicherte Fakten zu diesem Thema. Auf der Pro- und Kontra-Seite dominieren Glaube und Ideologien. So argumentieren die Befürworter des Wachstums, heute liesse sich Wachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln. Das stimmt aber nur teilweise. Es trifft zwar zu, dass heute ein Auto sehr viel weniger Treibstoff pro gefahrenem Kilometer verbraucht. Gleichzeitig haben aber – hier und weltweit – sehr viel mehr Leute ein Auto und brauchen dieses auch viel mehr. Im Endeffekt ist der Treibstoffverbrauch grösser denn je. Dieser «Reboud-Effekt» lässt sich in vielen Bereichen nachweisen: Nimmt der Ressourcenverbrauch ab, sinken die Kosten und der Anreiz zum Mehrverbrauch / zur Mehrnutzung steigt. Wachstum ist sicher grundsätzlich etwas Gutes: eine kleine Firma ist erfolgreich, wächst und gedeiht – fast wie die Lebewesen in der Natur. Was aber meist vergessen wird: In der Natur kommt nach dem Wachstum immer auch der Zerfall. Nichts wächst ewig, Rückbau ist etwas Natürliches, schafft eine Art Gleichgewicht. Wir Menschen tun uns dagegen schwer mit dem Gedanken, dass Neues nur gedeihen kann, wenn Altes auch verschwindet.

Den Wachstumskritikern andererseits muss man vorhalten, dass sie oft den Menschen und die Realität ausblenden. Grosse Teile unseres wirtschaftlichen und sozialen Systems basieren auf Wachstum, beispielsweise die Altersvorsorge. Wenn wir ohne Wachstum auskommen wollen, dann müssen diese Systeme ganz neu erfinden und wahrscheinlich unsere Ansprüche massiv senken. Generell gilt: Veränderungen sind in Phasen des Wachstums viel einfacher zu verkraften, als bei Stagnation oder Abbau. Sozialer Ausgleich, Hilfe für die Schwachen wird enorm schwierig, wenn es wegen fehlendem Wachstum zu Verteilkämpfen kommt. Apropos Gerechtigkeit: Kann man es jemandem, der noch nicht viel hat, übelnehmen, dass er das gleiche wirtschaftliche Niveau erreichen möchte wie wir Habenden? Es muss uns schon zu denken geben, dass Kritik am Wachstum fast ausschliesslich bei jenen aufkommt, die schon viel haben. Sind wir bereit, bei uns auf Wachstum zugunsten ärmerer Menschen und Gesellschaften zu verzichten?

Was auch deutlich geworden ist: Die Wachstumsfrage betrifft nicht nur die «Wirtschaft» oder die Konsumenten. Der Staat, die öffentliche Hand ist genau so betroffen. Auch Nationen, Kantone oder Gemeinden setzen auf stetes Wachstum. Oder sind gezwungen, auf Wachstum zu setzen. Die Ansprüche an den service public wachsen ständig. Immer leistungsfähigere Strassen, immer neue ÖV-Angebote, kleinere Schulklassen und mehr Schulräume, zusätzliche Freizeitangebote, immer höhere Sozialleistungen und immer bessere medizinische Versorgung! Irgendjemand muss das bezahlen. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder werden andere Leistungen abgebaut oder es braucht mehr Mittel, sprich «Wachstum».

Mein Fazit: Es gibt keine einfachen Antworten. Wir müssen uns immer wieder die Frage stellen, ob Wachstum an einem bestimmten Ort sinnvoll ist. Zum Beispiel beim Bauland: Eine Baulandeinzonung (= Wachstum) an einer optimal erschlossenen Lage ist sinnvoll, weil bestehende Infrastruktur besser genutzt werden kann. Umgekehrt halte ich es nicht für sinnvoll, weiteres Bauland zu verbrauchen für Zweitwohnungen oder neue Einkaufszentren. Oder nehmen wir als zweites Beispiel Freizeiteinrichtungen. Muss es wirklich sein, dass jede Gemeinde für sich versucht, alle möglichen Freizeitangebote (Hallenbad, Gartenbad, etc.) selber anzubieten? Könnte man hier nicht Wachstum umgehen, und gemeinsame Angebote schaffen? Allerdings werden wir kaum je Einigkeit erreichen in der Frage, was sinnvoll und was unnötig ist. Aber die Diskussion darüber ist wichtig und nötig. Ein Politiker hat mal festgestellt: «Die Politik ist gegenüber Wachstum deshalb unkritisch eingestellt, weil Beschränkungen weh tun». Das darf nicht sein. Wenn Veränderungen nötig sind, dann müssen wir sie anpacken.

Hier geht es zu den Referaten der Tagung.

Medienecho: WoBla.