«Carlos» aus Distanz

Manchmal ist es gut, sich erst zu äussern, wenn etwas Ruhe eingekehrt ist – so zum Beispiel im Fall «Carlos».

In der letzten Woche ist fast alles zum Fall «Carlos» gesagt und geschrieben worden, was man auf die Schnelle Sagen und Schreiben kann. Unbestritten ist, dass vieles schief ging, beispielsweise bei der Information. Weder die Gemeinde Reinach noch die für die Sicherheit zuständige Kantonspolizei waren von der Zürcher Jugendanwaltschaft vorgängig informiert worden. Dies hat sehr zur Verunsicherung der Bevölkerung beigetragen, weil wir Anfragen nicht beantworten konnten.

Grosse Zweifel bleiben, auch bei mir, bestehen, was den Aufwand (fast 30'000 CHF/Monat) oder die Details der Betreuung betreffen (ist Resozialisierung wirklich nur mit Armani-Deo möglich?). Ob Thaiboxen zum Abbau oder Aufbau von gewalttätigem Verhalten beiträgt, weiss ich immer noch nicht. Die Debatte erinnert mich aber an die Diskussion, ob brutale Videospiele Ursache oder Folge von aggressivem Verhalten sind. Meines Wissens gibt es bis heute keine klare Antwort.

Schockiert haben mich die vielen oberflächlichen und oft primitiven Blog-Einträge und Mails zum Thema. Forderungen, den jungen Mann ins Gefängnis zu stecken oder auszuweisen (er ist übrigens Schweizer), gehörten noch zu den gemässigteren Äusserungen. Zur teilweise hysterischen Stimmung haben einige Medien ganz massiv beigetragen. Offenbar, so meldeten sich Anwohner, wurden die Nachbarn richtiggehend bedrängt und gegen Carlos Stimmung gemacht.

Jetzt, nachdem Carlos nicht mehr hier ist und sich die Aufregung etwas gelegt hat, ist es Zeit und möglich, über die Hintergründe nachzudenken. Ist es richtig, gewalttägige Junge wegzusperren oder ist es besser, zu versuchen, sie mit gezielten Massnahmen auf den richtigen Weg zu führen. Was ist für die Allgemeinheit langfristig günstiger und sicherer? Ging man im Fall Carlos zu weit, was die Kosten und die Massnahmen anbelangt? Ich kann diese Fragen nicht abschliessend beantworten, da ih zu wenig von der Sache verstehe. Ich begrüsse es aber, dass die Diskussion darüber eingesetzt hat. Neben all den oberflächlichen und sensationslüsternen Berichten habe ich auch einige sehr gute und intelligente Beiträge gelesen, die sicherlich zur Meinungsbildung beitragen. Ich empfehle etwa die Beiträge im Tagesanzeiger oder in der NZZ am Sonntag (NZZ_130908_Gewalttaeter).

Medienmitteilung der Gemeinde Reinach.

Medienecho: 20 Minuten_BS_20130903, BZ_130904_Carlos ist weg, BaZ_130904_Carlos_, NZZSonntag_130922_Therapie, BZ_131129_Carlos, Bz_131203_Carlos.